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Lehrmeister und Dämonen

20.08.2025 • Daniel Schneider • 6 Min.Kommentare: 0

Die Marionetten der Welt hat eine Steinhuderin zusammengetragen, mit einem starken Schwerpunkt auf asiatischer Puppenspielkunst voller Poesie und Philosophie. Eine Reportage über altes Theater, schockierte Besucher und ein gelbes Unheil in der Ausstellung.

20.08.2025
Daniel Schneider
6 Min.
Fotos: Deppe/Schneider

Seit 40 Jahren hat sie sozusagen den Faden nicht verloren. Und das ist bei ihrem Faible, was längst zur Profession geworden ist, besonders wichtig: Roswitha Ohrndorf trägt Marionetten aus allen Teilen der Welt zusammen. Den Anfang machte das Geschenk ihres Mannes, der die erste Marionette ins Haus holte, seitdem hat sie die Leidenschaft nicht mehr losgelassen.

„Ich sehe überall Fäden“, sagt Ohrndorf und meint es wörtlich: Sie hat einen Blick dafür entwickelt, einen Spürsinn, wo sich verborgene Puppenschätze verbergen. Wenn sie unterwegs ist, auf Reisen und auf Märkten, dann entdeckt sie Marionetten überall, wo anderen die Figuren womöglich nicht sofort ins Auge springen würden.

Dass hier in Steinhude gerade etwas Außergewöhnliches stattfindet, hat sich schnell herumgesprochen. Das Fernsehen war auch schon da, und seitdem kommen noch mehr Menschen von weither, um am Steinhuder Meer in die geheimnisvolle Welt der Marionetten einzutauchen.

Dabei tritt Ohrndorf offensiv der verbreiteten Vorstellung von Marionetten nur als Kinderunterhaltung entgegen. „Mit der Augsburger Puppenkiste hat das nichts zu tun“, sagt Ohrndorf, wer mit dieser Erwartung in die Ausstellung komme, werde enttäuscht. Tatsächlich sind deren Puppen auch kein Teil der Sammlung. Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer, Katze mit Hut oder Urmel sucht man hier vergeblich. „Es ist kein Kinderspielzeug“, sagt sie ebenso über die Figuren.

Fadenreich

Mancher denkt angesichts der Exotik und Werte, die hier versammelt sind, direkt an „Bares für Rares“ – doch Ohrndorf verkauft nicht, sie kauft. Hat sie eine Lieblingspuppe? „Nein“, sagt sie mit leicht lachend-tadelndem Unterton in der Stimme. „Dann hätte ich ein viel zu schlechtes Gewissen den anderen gegenüber.“ Ihre Antwort verrät, dass ihre Marionetten für sie mehr sind als leblose Figuren an Fäden. Sie sind für Ohrndorf auch Magie, die das Eintauchen in eine ganze eigene Welt erlaubt, die in der Beschäftigung mit den Figuren und ihren Erbauern und Spielern lebendig wird.

Asiatische Kunst

So erklärt sich auch der Titel der Ausstellung: Magie der Fäden. Ohrndorf hat ihn selbst ausgesucht. Die Marionettenexpertin hat bei ihrer Sammlung einen Schwerpunkt auf asiatische Marionetten gelegt. Die deutsche Puppenspielerkunst reicht durchaus bis ins Mittelalter zurück – aber die asiatische ist weit älter. Vor allem Marionetten wurden in Nordeuropa erst deutlich später bekannt.

Die Darstellung unterscheidet sich bis in die Moderne jedoch deutlich: Während in Deutschland das Puppenspiel heute meist mit Kindervorstellungen von Kasperl und Seppl – oder eben der Augsburger Puppenkiste – assoziiert ist, hat es in Asien nach wie vor auch eine spirituell-kulturelle Komponente. Die Figuren selbst transportieren Mythen, Ansichten und Geschichten.

Myanmar, Indonesien, China – die Marionetten haben eine lange Reise hinter sich. Inzwischen dürfen authentische Figuren aus asiatischen Ländern gar nicht mehr ausgeführt werden, sie sind höchstes Kulturgut. Was man heute im Urlaub noch kaufen könne, das seien Repliken für Touristen. Die Originale, die sich in Ohrndorfs Sammlung befinden, befanden sich jedoch schon in Europa, als sie von ihr erworben wurden. In China war Ohrndorf persönlich noch nie.

Reizt es sie nicht, mit all dem Wissen einmal in die Heimat der Figuren zu reisen, die einen Großteil ihrer Sammlung ausmachen? Durchaus, aber es hat sich bislang noch nicht ergeben. Aber das chinesische Puppenspiel bleibt in ihrem Fokus. Vor allem dem Schattentheater will sie sich künftig widmen – das fehlt bislang noch in der Figurensammlung.

Deshalb gewinnt immer das Gute

Ohrndorf erzählt über die verschiedenen Techniken, die unterschiedlichen Bauarten, wie Marionetten angelegt sein können – die bekannteste mit Fäden an einem Spielkreuz ist nur eine unter zahlreichen weiteren.

„Kasper – Räuber – Großmutter“, beschreibt Ohrndorf das hierzulande einfache Schema der bekannten Figuren. Natürlich gibt es auch andere Beispiele, einige davon gehören zur Sammlung: So hängen hier etwa auch Figuren von Gérard Depardieu oder Alfred Biolek an Fäden. Asiatische Marionetten zeigen hingegen ganze Hofstaaten und geistige Welten: Kaiserinnen und Kaiser, Götter und Dämonen sind verbreitet – und im Vergleich dazu überdimensionale Pferde im chinesischen Marionettentheater. Sie stehen hier für den Beginn der Welt, mit ihnen werden die Theatervorstellungen eröffnet, erklärt Ohrndorf.

Mit Marionettencharakteren können Geschichten erzählt und die Welt erklärt werden, die Figuren stehen gerade im asiatischen Raum auch für so etwas wie Lehrmeister. Die Marionettenspieler vermitteln Philosophien – und immer wieder den Kampf von Gut gegen Böse. „Das Gute gewinnt immer“, sagt Ohrndorf über die asiatische Puppenspielertradition und liefert auch gleich die Erklärung hinzu: „Sonst wird der Puppenspieler entlassen.“

Ohrndorf korrigiert eine Marionettenhaltung
Marionetten, die Marionetten spielen

Hierzulande wird dagegen eingestellt: Das Marionettenspiel habe zuletzt in Deutschland wieder an Stellenwert gewonnen, erzählt Ohrndorf, die Kunst lebe wieder auf. Nicht nur das Marionettenspiel könne heute wieder professionell gelernt werden, sondern auch das gesamte Drumherum gehöre zur Ausbildung inzwischen dazu, etwa die Dramaturgie des Spiels.

Sie selbst ist wider Erwarten tatsächlich keine Marionettenspielerin, sie führt keine Puppen an Fäden. Ohrndorf beschränkt sich auf das Sammeln, Pflegen und Erforschen der Figuren.

Schockierte Besucher

Triggerwarnung: Lesen Sie nicht weiter, wenn Sie dem asiatischen Geister-Glauben anhängen!

Nicht nur die Besucher der Ausstellung erfahren etwas über die Welt der Marionetten, auch Ohrndorf erfährt etwas über die Besucher – und entdeckt darüber hinaus sogar neue Aspekte in ihrer Sammlung. So war die zur Schau gestellte Nacktheit einer venezianischen Marionette offenbar zu viel des Guten für eine Besucherin – die Frau griff beherzt ein und bedeckte die freiliegende Brust der Puppe mit etwas mehr Stoff.

Das war zu viel für eine Besucherin: Sie zog der Marionette das Kleid höher und bedeckte damit die nackte Brust

Eine andere Besucherin, selbst Asiatin, schrie plötzlich gleich zu Beginn der Ausstellungsfläche erschreckt auf und hielt sich die Augen zu – und ließ in der Nähe einer bestimmten Puppe auch weiterhin sorgfältig die Hände vorm Gesicht. Was war geschehen? Die Besucherin wollte strikt vermeiden, eine der Marionetten versehentlich noch einmal anzusehen. Was auch Ohrndorf bis dahin nicht gewusst hatte: Eine ihrer Marionetten war nicht irgendwer, sondern stellte eine Inkarnation des Unterweltwächters dar – eine Höllenfigur, deren Anblick im asiatischen Geisterglauben großes Unheil bedeutet.

Ist sie selbst abergläubisch? „Kein bisschen“, sagt Ohrndorf. Die 13 sei schon immer ihre Lieblingszahl gewesen. Mit der Geschichte um Jim Knopf hatte das allerdings wiederum nichts zu tun.

Eine der Puppen zieht das Unglück an: Die Marionette in gelber Kleidung ist der Höllenwächter

Auf diese Weise kommt Ohrndorf auch dank der Ausstellungsbesucher zu neuen Erkenntnissen, die ihr trotz der jahrelangen Beschäftigung mit den Figuren, ihrer Symbole und Deutungen selbst noch unbekannt waren. Denn oft ist die Marionettenforschung echte Detektivarbeit.

Die überdeutlichen Gesichter

Stechende Blicke und die oft übertrieben deutlich dargestellten Gesichtsausdrücke haben ebenfalls ihren Grund, erzählt die Ausstellungsmacherin: Die Gesichter sollten eben nicht nur in den ersten Reihen vom Publikum gut zu erkennen sein, sondern auch noch von ganz hinten.

Mit der Geiger-Marionette fing alles an

Auch die Farben der in der Regel äußerst fein, detailreich und kunstvoll gefertigten Marionettengewänder sind aufgeladen mit Bedeutungen. Gelb etwa sei im chinesischen Puppenspiel die Farbe der Herrscher und des Kaiserhofes, erklärt Ohrndorf – deshalb trage die Unheilsgestalt wohl auch diesen Ton – als Herrscher der Unterreiches.

Roswitha Ohrndorf erklärt die Bedeutungen der Farben im chinesischen Puppentheater

Ohrndorf ist autodidaktisch zur Marionettenexpertin geworden: Viel Literatur über Puppenspiel und Marionetten hat sie angehäuft und gewälzt. Das hilft dann auch bei der zeitlichen Einordnung mancher Figuren: Bestimmte Bauweisen, manche Merkmale sind zeitspezifisch. Das ermöglicht die genauere historische Bestimmung von Exponaten. Bei einer Puppe waren die Hände beispielsweise aus Zink gefertigt – wie es nur im Jahre 1910 gemacht wurde. Manchmal hilft auch der Zufall: Einmal erwarb Ohrndorf eine Marionette, die noch in altes Zeitungspapier eingewickelt war – mit dem genauen Datum auf der Zeitung. Auch so etwas kann bei der Datierung hilfreich sein.

Die Ausstellung ist nur noch bis zum 21. August 2025 in den Steinhuder Museen zu sehen. Dabei hätte sie nicht nur das Zeug dazu, sondern es auch verdient, zur Dauerausstellung zu werden: Eine solche Sammlung in der vorliegenden kuratierten Form gibt es in Deutschland kein zweites Mal. In Steinhude wohnt Ohrndorf mit ihrem Mann erst seit vier Jahren – dass die Sammlung nun hier als Ausstellung der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht werden konnte, ist für die Steinhuder Museenlandschaft ein besonderer Glücksfall.

Was passiert mit den Puppen nach der Ausstellung? Sie werden wieder eingelagert, bei Ohrndorf privat zu Hause. Früher hatte sie noch mehr Platz im Haus, doch seit dem Umzug nach Steinhude hat man sich verkleinert. Das bedeutet, dass auch die Marionetten etwas enger zusammenrücken müssen.

Nur auf eines muss dabei geachtet werden: Gegenüber den Marionetten immer höflich bleiben und durchaus auch mal an der Kiste anklopfen, bevor man die Puppen herausnimmt – vor allem bei denjenigen Exemplaren, die Unheil stiften könnten. Und ganz wichtig: Die „bösen“ Exemplare gehören nicht gemeinsam in die Kiste mit den Guten. Jedenfalls sollen die asiatischen Puppenspieler so verfahren, heißt es. Auch das ist so ein Aberglaube.

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