Wie sich Wunstorf von der grauen Maus zur schönsten Innenstadt wandelte

Die Lebensqualität in Wunstorf wird bis heute maßgeblich geprägt von städtebaulichen Maßnahmen, die um 1980 herum umgesetzt wurden. Noch nicht einmal 40 Jahre ist es her, dass Wunstorfs Kernstadt das Gesicht bekam, das es heute noch zeigt. Wie es dazu kam und wie es vorher aussah, zeigte Heimatforscher Heiner Wittrock in einem Vortrag in der Abtei.

Inter­es­sier­te Zuhö­rer ver­fol­gen den Vor­trag in der rest­los gefüll­ten Abtei | Foto: Dani­el Schnei­der

Wunstorf ist eine Stadt mit lan­ger Geschich­te, doch geprägt wird sie aktu­ell vor allem von den 80er Jah­ren. Die letz­ten wirk­lich ein­schnei­den­den stadt­ent­wi­ckeln­den Bau­vor­ha­ben wur­den in die­sem Jahr­zehnt umge­setzt, damals mani­fes­tier­ten sich vie­le rich­tungs­wei­sen­de Ent­schei­dun­gen, die das Wunstor­fer Stadt­bild bis heu­te bestim­men und Wunstorf zu der attrak­ti­ven Stadt machen, die sie jetzt ist. Unter dem Titel „Von der grau­en Auen­stadt zum Schmuck­stück der Regi­on“ refe­rier­te Hei­ner Witt­rock anhand vie­ler his­to­ri­scher wie aktu­el­ler Bil­der über die jün­ge­re Stadt­ge­schich­te, von der Aue­regu­lie­rung über den Stra­ßen­bau bis zur Ein­rich­tung der Fuß­gän­ger­zo­ne.

Umgehungsstraße light

Es scheint kaum vor­stell­bar zu sein, doch die Ver­kehrs­si­tua­ti­on in Wunstorf war schon immer ange­spannt – vor dem Bau der Hoch­stra­ße Anfang der 80er noch viel schlim­mer als heu­te. Wie es damals in Wunstorfs Innen­stadt aus­ge­se­hen hat, mit all dem Ver­kehr und noch ohne Fuß­gän­ger­zo­ne, will man sich auch eigent­lich gar nicht mehr vor­stel­len. Doch die Pro­ble­me waren drän­gend und wur­den gelöst: mit einem Kon­zept, das sich in vie­len ande­ren Städ­ten bewährt hat­te: Der Schaf­fung von Frei­raum in den Stadt­zen­tren durch Fuß­gän­ger­zo­nen und der stär­ke­ren Kana­li­sie­rung der unter­schied­li­chen Ver­kehrs­ar­ten.

Ein VW Käfer und ein Fiat 500 krachen an der Ecke Nordstraße - Lange Straße zusammen, wo einst pausenlos Autoverkehr herrschte. Die B 441 und B 443, also die von Bad Nenndorf und die von Hannover, hatten hier ihren Kreuzungspunkt. | Foto: Stadtarchiv Wunstorf, Nachlass Armin Mandel
Ver­kehrs­pro­ble­me in den 60er Jah­ren in Wunstorf: Ein VW Käfer und ein Fiat 500 kra­chen an der Ecke Nord­stra­ße – Lan­ge Stra­ße zusam­men, wo damals B 441 und B 443 ihren Kreu­zungs­punkt hat­ten und pau­sen­los Auto­ver­kehr herrsch­te. | Foto: Stadt­ar­chiv Wunstorf, Nach­lass Armin Man­del

Es war nicht nur eine spä­te Ant­wort auf den Zeit­geist der auto­ge­rech­ten Stadt, ein Lösungs­ver­such für die inner­städ­ti­sche Ver­kehrs­pro­ble­ma­tik, die schon damals die Lebens­qua­li­tät der Bewoh­ner ein­schränk­te und die Ner­ven der Auto­fah­rer stra­pa­zier­te. Es war auch die Grund­la­ge für den Aus­bau der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­zo­ne. So häss­lich die Hoch­stra­ße heu­te auch anmu­ten mag, sie war die Basis für die wei­te­ren Umwäl­zun­gen bei den städ­ti­schen Ver­kehrs­strö­men. Ihr Bau mach­te zwei Bahn­über­gän­ge obso­let und erschloss die neue Tan­gen­te zur Hagen­bur­ger Stra­ße. Impo­sant mutet das Zah­len­werk an: Die 320 Meter lan­ge Stra­ße (erbaut von 1978 bis 1981) besteht aus 11.200 Kubik­me­tern Beton und 11.000 Ton­nen Stahl.

Später Versuch einer autogerechten Stadt

Wäh­rend ande­re Städ­te noch zwei Jahr­zehn­te zuvor mit neu­en Stra­ßen regel­recht platt­ge­macht wur­den, um mehr Auto­ver­kehr direkt in die Innen­städ­te len­ken zu kön­nen, und Fuß­gän­ger oder Rad­fah­rer dafür oft auch ins Abseits gedrängt wur­den, in Tun­nel und Unter­füh­run­gen, blieb Wunstorf von den schlimms­ten Aus­wüch­sen der Ver­kehrs­kon­zep­te der 50er/60er Jah­re ver­schont. Die schlimms­ten Sün­den der auto­ge­rech­ten Stadt wie­der­hol­te man nicht. Aber die Idee wur­de im Kern umge­setzt. Gera­de noch recht­zei­tig, denn ein Jahr­zehnt spä­ter wur­de die strik­te Tren­nung des Indi­vi­du­al­ver­kehrs schon sehr viel kri­ti­scher gese­hen, die auto­ge­rech­te Stadt war nicht mehr das Maß der Din­ge, wan­del­te sich zum über­hol­ten Kon­zept. 20 Jah­re spä­ter – und Wunstorf hät­te viel­leicht nie eine Fuß­gän­ger­zo­ne bekom­men, wie sie heu­te vor­zu­fin­den ist.

Typi­sches Merk­mal der auto­ge­rech­ten Stadt ist die Tren­nung des Indi­vi­du­al­ver­kehrs: die Hoch­stra­ße in Wunstorf ist für Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer tabu | Foto: Mir­ko Baschet­ti

Zerschneidung des Stadtkerns

Dem Auto wur­de mehr Raum gege­ben, ein Park­leit­sys­tem instal­liert und die Ver­kehrs­adern opti­miert, das aber in eher behut­sa­mem Rah­men. Abge­ris­sen zuguns­ten des Stra­ßen­baus muss­te nur wenig wer­den, die neu­en Ver­kehrs­adern stell­ten statt­des­sen sogar his­to­ri­sche Ansich­ten wie­der her: Die neue Stra­ße im Stadt­kern zer­schnitt die­sen zwar, aber dort, wo heu­te die B 441 zwi­schen Stadt­kir­che und Stifts­kir­che ver­läuft, lag einst auch die his­to­ri­sche Trenn­li­nie zwi­schen Stadt und Stift.

Der Stadt­kern hat heu­te eine bes­se­re Qua­li­tät.“Hei­ner Witt­rock

So beur­teil­te Witt­rock die dama­li­ge Ver­le­gung der Ver­kehrs­ach­sen dann auch als gelun­gen und vor­teil­haft für Wunstorf, denn es habe die Ver­wand­lung von einer grau­en Innen­stadt in eine leben­di­ge Stadt bewirkt – auch wenn man­che den Abriss der Gebäu­de an der alten Schul­stra­ße als schlimm erleb­ten. Der Stadt­kern habe heu­te eine bes­se­re Qua­li­tät, sei von den Wunstor­fern ange­nom­men und von den Nie­der­sach­sen aner­kannt wor­den.

Witt­rock führ­te exem­pla­risch die bei­den gro­ßen Bahn­über­gän­ge an, die man vor Zei­ten der Hoch­stra­ße noch zu über­win­den hat­te, um Wunstorf aus Rich­tung Autobahn/Luthe zu durch­que­ren. Die Alt­stadt­stra­ßen, Lan­ge Stra­ße und Süd­stra­ße, waren nor­ma­le Ver­kehrs­adern, durch die der Durch­gangs­ver­kehr roll­te, die Stre­cke „Am Stadtgraben“/“Südstraße“ in ihrer heu­ti­gen Form gab es noch nicht. Wäh­rend heu­te der Durch­gangs­ver­kehr hin­ter der Ecke Hin­den­burg­stra­ße abknickt, um spä­ter wie­der in den Krei­sel an der Ecke Hagen­bur­ger Stra­ße zu mün­den, floss der Ver­kehr frü­her gera­de­aus wei­ter durch die Süd­stra­ße – womit sich auch die heu­ti­ge Drän­gung des unna­tür­lich wir­ken­den Stra­ßen­ver­laufs erklärt.

Fußgängerzone

Die Hoch­stra­ße und die damit ein­her­ge­hen­de neue Ver­kehrs­füh­rung war somit die Vor­aus­set­zung dafür, den Stadt­kern men­schen­freund­li­cher zu gestal­ten. Die Ein­rich­tung der Fuß­gän­ger­zo­ne bzw. die Sper­rung für den Ver­kehr und den Umbau zur Fla­nier­mei­le waren gekop­pelt an den Hoch­stra­ßen­bau und die Ver­le­gung des Durch­gangs­ver­kehrs. Nun konn­te die Fahr­bahn an die­ser Stel­le zurück- bzw. die Bord­stei­ne abge­baut wer­den. Die grau­en, schmut­zi­gen Stra­ßen mit schma­len Bür­ger­stei­gen wichen dem aktu­el­len Erschei­nungs­bild.

Die Lan­ge Stra­ße frü­her | Foto: pri­vat
Die Lan­ge Stra­ße heu­te | Foto: Dani­el Schnei­der

1982 wur­de die Fuß­gän­ger­zo­ne ein­ge­weiht. In der Umge­stal­tung zei­gen sich dann auch deut­lich die Ein­flüs­se der begin­nen­den 80er Jah­re: Das zwei­far­big ver­leg­te Pflas­ter, die gepflanz­ten Bäu­me, die Schau­käs­ten vor den Geschäf­ten in der Nord­stra­ße, die drei neu­ge­schaf­fe­nen Brun­nen. Vie­les atmet noch das Flair der 80er.

Gera­de die Brun­nen waren es nach Wit­trocks Dar­stel­lung dann auch, die zur schnel­len Akzep­tanz der neu­en Fuß­gän­ger­zo­ne führ­ten, denn dass die Wunstor­fer bei der Suche nach Brun­nen­ge­stal­tun­gen aktiv mit­ein­be­zo­gen wor­den sei­en, habe viel zur Iden­ti­fi­zie­rung mit der Neu­ge­stal­tung bei­getra­gen. Kuh­brun­nen, Säu­len­brun­nen und Schnit­te­rin­nen­brun­nen tra­gen seit­dem zum inner­städ­ti­schen Ambi­en­te bei und haben sich teils sogar zu einem Mar­ken­zei­chen von Wunstorf ent­wi­ckelt – kaum eine Ansichts­kar­te kommt ohne Kuh­brun­nen aus.

Kuh­brun­nen in der Wunstor­fer Fuß­gän­ger­zo­ne | Bild: Dani­el Schnei­der

Ein Ver­weis auf den Bahn­hofs­um­bau run­de­te den Aus­flug in die Stadt­pla­nung ab, denn nicht nur Hoch­stra­ße und Fuß­gän­ger­zo­ne ent­stan­den in den 80er Jah­ren. Auch die Deut­sche Bun­des­bahn schick­te sich im Zuge der geän­der­ten Umge­bung an, ihr Aus­hän­ge­schild in Wunstorf auf einen moder­nen Stand zu brin­gen – und bau­te den Bahn­hof so um, wie er heu­te vor­zu­fin­den ist. Seit 1986 zei­gen sich die Bahn­an­la­gen des Wunstor­fer Bahn­ho­fes somit auch im Sti­le der 80er Jah­re und bil­den eine archi­tek­to­ni­sche Sym­bio­se mit dem his­to­ri­schen Bahn­hofs­ge­bäu­de.

Die Unter­füh­rung im Wunstor­fer Haupt­bahn­hof | Foto: Andreas‑M. David

Aueregulierung

Den Auf­takt des Vor­trags bil­de­te jedoch der The­men­kom­plex um die Aue­regu­lie­rung. Dort, wo heu­te die Süd­aue als klei­nes Bäch­lein plät­schert, war sie einst deut­lich was­ser­füh­ren­der – und Wunstorf ver­wan­del­te sich bei Hoch­was­ser regel­mä­ßig in das Vene­dig des Nor­dens bzw. droh­te sich in die­ses zu ver­wan­deln. Um dem zu begeg­nen, wur­de Anfang der 70er Jah­re der natür­li­che Was­ser­lauf der Süd­aue mani­pu­liert.

Die Süd­aue fließt seit den 1970er Jah­ren größ­ten­teils nicht mehr hin­ter, son­dern schon vor Wunstorf in die Westaue | Foto: Dani­el Schnei­der

Das Was­ser der Süd­aue wur­de teil­wei­se in die Westaue umge­lei­tet, der Was­ser­strom der Süd­aue durch die Wunstor­fer Kern­stadt so abge­schwächt. Dadurch konn­te der Fluss – die jet­zi­ge „Alte Süd­aue“ – zu gro­ßen Tei­len kana­li­siert und somit über­baut wer­den. Die Müh­lenaue ver­schwand, eben­so wie der offe­ne Was­ser­lauf an der Was­ser­zucht. Nur die Westaue darf seit­dem noch, mit groß­zü­gig bemes­se­nem Ufer, unge­hin­dert durch Wunstorf flie­ßen.

Kei­ne Gefahr mehr: Die nun auch zu Hoch­was­ser­zei­ten nur noch wenig Was­ser füh­ren­de Alte Süd­aue in der Wunstor­fer Süd­stadt | Foto: Dani­el Schnei­der

Stadtgeschichte als Besuchermagnet

Von Ein­bli­cken in die jüngs­te Stadt­ge­schich­te woll­ten sich zahl­rei­che Wunstor­fer am Don­ners­tag­abend nicht abhal­ten las­sen. Witt­rock gelang mit sei­nem Vor­trag, wie er augen­zwin­kernd im Zuge der Prä­sen­ta­ti­on selbst anmerk­te, die Innen­stadt auch nach Laden­schluss in ein beleb­tes Pflas­ter zu ver­wan­deln.

Dem Vor­trag von Hei­ner Witt­rock im Saal der Abtei lausch­ten am Don­ners­tag­abend an die 200 Zuhö­rer, dar­un­ter auch Bür­ger­meis­ter und Orts­bür­ger­meis­ter. Sitz­plät­ze gab es kei­ne mehr, die Besu­cher des Vor­trags stan­den dicht­ge­drängt vor den Fens­tern oder setz­ten sich sogar auf den Boden. Die Atmo­sphä­re erin­ner­te bei­na­he an die uni­ver­si­tä­re Auf­takt­vor­le­sung zu Beginn eines neu­en Semes­ters. Vie­le waren alt­ein­ge­ses­se­ne Wunstor­fer, die ob der his­to­ri­schen Fotos in Erin­ne­run­gen schwel­gen konn­ten, doch auch die jün­ge­ren Genera­tio­nen ver­schaff­ten sich an die­sem Abend einen inter­es­san­ten Über­blick über die Stadt, in der sie leben.

Hei­ner Witt­rock wäh­rend des Vor­tra­ges | Foto: Dani­el Schnei­der

Witt­rock schloss sei­nen Vor­trag mit einem Bogen zu den aktu­el­len städ­te­bau­li­chen Fra­gen, wie etwa der Suche nach neu­en Park­plät­zen. Er appel­lier­te an die künf­ti­gen Pla­ner, den Grün­be­reich am Jahn­platz nicht voll­ends zu opfern, also nicht aus­ge­rech­net an der Alten Süd­aue Park­plät­ze anzu­le­gen. Doch getan wer­den müs­se etwas, denn auch die schöns­te Innen­stadt kön­ne nur erhal­ten wer­den, wenn die Leu­te auch dort par­ken könn­ten.

Mit Sach­ver­stand, rhe­to­ri­scher Schär­fe, einer Pri­se Humor und nahe­zu eben­so vie­len Bil­dern und Luft­auf­nah­men wie Besu­chern führ­te Hei­ner Witt­rock eben jene durch den Abend und sorg­te damit sicher­lich bei nicht weni­gen für neue Erkennt­nis­se in Sachen Stadt­ge­schich­te.

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