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Das dunkelgrüne Erbe: Die „Olympiabänke“ sollen weg

07.02.2022 • Daniel Schneider • Aufrufe: 2612

Wer sich aktuell vor dem Rathaus bzw. in der Fußgängerzone auf eine grüne Bank setzt, sitzt auf einem Stück Zeitgeschichte und trotzdem ganz „modern“. Dennoch sollen die berühmten Sitzmöbel nun zum Altmetall, die Stadt will die Drahtgitterbänke loswerden. Dabei sind die mitten in Wunstorf stehenden Design-Ikonen eine Reminiszenz an eine weltoffene, moderne Bundesrepublik zu Olympiazeiten – und Zeugnis der Entstehungsgeschichte der Fußgängerzone.

07.02.2022
Daniel Schneider
Aufrufe: 2612
Drahtgitterbank vor Rathaus
Olympiabank in Wunstorf

Wunstorf (ds). Die Älteren kennen sie unter dem Begriff „Olympiabänke“, die Jüngeren verbinden sie meist einfach mit langweiligen Sitzgelegenheiten auf Bahnsteigen und öffentlichen Plätzen – oder mit der Wunstorfer Innenstadt: die unauffällig-auffälligen Drahtgitterbänke sind grün lackiert und fallen dem Betrachter vor allem vor dem Rathaus ins Auge. Dort stehen sie zu Dreierpaaren in Zweierreihe. Mehr konzentrierte Sitzfläche an einer einzelnen Stelle in der Innenstadt gibt es nicht, sofern man die Steinmauerbegrenzungen rund um den Marktplatz und die Bestuhlung in den Eiscafés und Gastronomien nicht mitrechnet. Sie sind das öffentlich zugängliche Sitz-Zentrum im Zentrum der Stadt. Aber auch an anderen Ecken der Fußgängerzone, in Langer Straße und Nordstraße, findet man dieses Modell in geringerer Stückzahl. Sogar zu den Seiten des Kuhbrunnens steht grünes Drahtgittergeflecht.

Zeitlos – und doch voller Geschichte

Die als zeitlos modern designten Bänke stecken in Wirklichkeit voller Geschichte: Es sind die Sitzmöbel zu den Olympischen Spielen. Geschaffen wurde das Design anlässlich der Spiele 1972 in München, passend zu anderen Elementen des Stadions und des Olympiaparks mit der berühmten Zeltdachkonstruktion. Hergestellt wurden sie von der Erlau AG, die den ausgeschriebenen Designwettbewerb mit diesem Modell gewann.

Historische Fußgängerzone
Moderne Zeiten: Sitzen auf den Olympiabänken in der erst wenige Jahre alten Wunstorfer Fußgängerzone | Foto: Stadtarchiv Wunstorf, Nachlass Armin Mandel

Der Clou war die fortschrittliche Modulbauweise und Verankerung im Boden an nur wenigen Stahlstützen. Es gab die Bänke in gerader und gebogener Form, so dass sie auch als Rondelle angeordnet werden konnten. Die weichen, abgerundeten Formen an Sitzfläche und (optionalen) Rückenlehnen sollten sich besonders gut in die Umgebung einfügen – und an den Menschen anfügen. Keine scharfen Kanten schnitten in Kniekehlen ein, und Armstützen, die die darauf Sitzenden voneinander getrennt hätten, gab es gar nicht erst. Die Rückenlehnen wurden stattdessen in einem Winkel gestaltet, dass man sich bequem zurücklehnen und die Unterarme einfach auf der Sitzfläche abstützen kann. Es sind auf den ersten Blick unbequem aussehende Bänke, auf denen man aber tatsächlich wie in einem bequemen Sessel sitzt. Die Sitzgelegenheiten wiesen durch ihre Form in Richtung eines neuen gesellschaftlichen Miteinanders – Begegnung statt Vereinzelung.

Das Drahtgitter lässt das Rathaus „durchscheinen“

Nach Olympia verbreiteten sie sich vor allem bis in die 1980er Jahre überall in Deutschland. Insbesondere wegen ihres Designs und der Verbindung zu Olympia, aber auch wegen ihrer Robustheit. Denn praktisch waren sie auch noch: Nach einem Regenschauer bleiben sie nie lange nass, sie sind relativ graffitisicher – und ziemlich langlebig. Es gibt keine Holzflächen, die verwittern können, und keinen Kunststoff, der brüchig werden kann. Rissig werden könnte allein die Kunststoffummantelung, die das Drahtgittergeflecht auch vor Korrosion schützt, doch selbst die gibt sich beständig.

Drahtgitterbank
Die Olympiabänke bilden in der Südstraße ein besonderes Ensemble | Foto: Daniel Schneider

Man könnte anderes vermuten, aber das Drahtgitter als wesentliches Bauelement hatte eigentlich optische Gründe, keine funktionellen: Es sollte nicht nur zum Olympiastadion-Stil passen, die Bänke sollten auch aus sich heraus nicht wie Fremdkörper in ihrer Umgebung wirken, sondern die Umgebung „durchlassen“. Das war auch der Grund für die dunkelgrüne Farbe – ein unauffälliges Grün, das sich sowohl in der Natur als auch im Stadtbild vornehm zurückhält. Dass sich die Bänke auch in Wunstorf jahrzehntelang gut in ihre Umgebung einfügten und jede Mode mitgemacht haben, liegt somit auch an ihrer Konstruktion. Die Reihe war so erfolgreich, dass der Hersteller später eine Weiterentwicklung unter dem Namen „Olympia Nova“ herausbrachte. Doch in Wunstorf stehen die Bänke im Originaldesign.

Originale Ikonen

Die Bänke sind nicht nur Zeugnisse der Geschichte, sondern zählen längst zu den Designikonen unter den Sitzmöbeln. Bei ihrer Aufstellung in der Fußgängerzone gehörten sie einst daher auch zum Stolz der Stadt. Sie verliehen der 1982 neugeschaffenen Flaniermeile den zeitgemäßen, edlen und modernen Schick.

Drahtgitterbank
Zeitloses Design vor dem Rathaus. Das Durchscheinen der Umgebung ist Teil des Designs. | Foto: Daniel Schneider

Von diesen Designschätzen will sich die Verwaltung nun verabschieden, sie sollen aus der gesamten Fußgängerzone verschwinden. Nach Ansicht der Verwaltung entsprechen die Bänke im Stile der 1970er Jahre nicht mehr dem Zeitgeist einer modernen Fußgängerzone – sie würden der „schönsten Innenstadt der Region“ nicht gerecht und seien zudem zu niedrig. Der Sitzkomfort vor allem für Ältere sei daher reduziert.

Alternativen knüpfen nicht an das Bestehende an

Ersetzt werden sollen sie durch schlichtere Modelle, die einfach nur wie normale Bänke aussehen, wie sie heute in vielen anderen Städten auch zu finden sind. Zur Auswahl stehen Holzbänke, die vergleichbar bereits in Steinhude aufgestellt wurden, mit Sitzflächen und Lehne aus Holz oder Kunststoff, gehalten von Stahlrohren im Stile der 2000er Jahre – oder eine Edelstahlbank im Stile der 1930er Jahre.

Wasserspiel Alter Markt
An die jüngste Sitzgestaltung wie am Alten Markt wird nicht angeknüpft | Foto: Daniel Schneider

Damit, so die Verwaltung, solle die Fußgängerzone optisch aufgewertet werden und einladender wirken. An das alternative moderne Sitzmöbeldesign, das z. B. am Wasserspiel am Alten Markt und in der Langen Straße bereits vorhanden ist, will man aus Kostengründen nicht anknüpfen: Die Betonklötze mit aufliegenden Holzplanken verschmutzen nach Angabe der Verwaltung zu schnell und lassen sich nur schwer sauber halten.

Politik könnte noch auf Änderungen dringen

Die Gefahr besteht, dass mit dem Austausch vor allem ausgerechnet die Südstraße, die ohnehin als Sorgenkind der Fußgängerzone gilt, ein weiteres Stück Attraktivität einbüßt, das ihr der Charme der Olympiabänke-Sammlung als ein Alleinstellungsmerkmal verleiht. Wenn die Politik in den im Februar tagenden Ausschüssen sowie in Ortsrat und Stadtrat die Pläne durchwinkt, dann verliert Wunstorf in Kürze nicht nur ein paar alte Bänke, sondern ein Stück erlebbare Design- und Zeitgeschichte.

Drahtgitterbank
Innenstadtdesign früher und heute. Die Bänke und Glaskästen kommen weg. Das Mülleimermodell darf bleiben. | Foto: Daniel Schneider

Die Chancen, dass die Politik sich anders entscheidet, sind allerdings gering – denn mit dem Antrag verknüpft sind auch die Schaffung eines modernen Spielplatzes, weitere Papierkörbe und die Beleuchtung der Stadtkirche. Und die Zeit drängt, um die verfügbaren Fördermittel aus dem Landesprogramm Perspektive Innenstadt noch abrufen zu können. Mit der Umsetzung muss noch in diesem Jahr begonnen werden, der letzte neue Papierkorb muss bis spätestens 31. März 2023 aufgestellt sein. Kosten sollen die neuen Sitzbänke für die Fußgängerzone voraussichtlich 90.000 Euro. Für die Spielmöglichkeiten sind 50.000 Euro eingeplant und für neue Papierkörbe 20.000 Euro. Die Stadt muss infolge des Fördergeldes lediglich 10 Prozent der Gesamtsumme finanzieren. Der ideelle und stadtgeschichtliche Wert der Olympiabänke hingegen: nicht zu beziffern.

Wer die zeitlosen Papierkörbe in der Fußgängerzone liebgewonnen hat, braucht sich übrigens keine Sorgen zu machen: Das bekannte Modell aus Metall soll, anders als die Bänke, beibehalten werden. Lediglich die Farbe wird für zusätzliche 800 Euro verändert, voraussichtlich (passend zu Laternen und neuen Bänken) zu einem attraktiven Anthrazit.

von Daniel Schneider
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Kommentare


  • Wunstorfer sagt:

    Es soll also ein Haufen Geld dafür ausgegeben werden, um noch völlig funktionstüchtige Sitzbänke (wohlgemerkt solche mit Rückenlehen, die also auch zum längeren Verweilen einladen) nur weil sie „unmodern“ sind gegen „stylische“ Betonsitzklötze ohne Rückenlehne auszutauschen!?

    Wie lange wird es wohl dauern, bis die Holzdielen der „Betonsitzklötze“ beschädigt und die Klötze selber mit Graffiti „verschönert“ werden…

    Als wenn es sonst keine Probleme gäbe…

    • Dieter sagt:

      Natürlich gibt es Probleme, sogar in Wunstorf. Aber die meisten kann die Verwaltung nicht lösen und deshalb befasst man sich mit solchen dummen Sachen wie „diese Bänke müssen weg“.

      Das nennt man dann inkompetente Mitarbeiter und damit sie nicht rumsitzen packt man solche „Probleme“ an. Könnte ja auffallen, das in der Verwaltung einfach zu viele sitzen, die statt Kompetenz nur das richtige Parteibuch haben.

      Wenn gar nichts mehr geht, werden sogar Strassen umbenannt. Hilft zwar nix, kostet aber – wie immer – viel Geld.

      Hauptsache die tumben Wähler merken nichts und um Vollbeschäftigung zu generieren wird man bald sogar ein offenes Ohr für alle haben. Ein mal im Monat bei der CDU, auf einem Freitag für 2 Stunden. Die SPD lädt sogar ein, an ihren Sitzungen teil zu haben, so täuscht man Vollbeschäftigung vor.
      Und was machen die GRÜNEN? Wegen Inkompetenz einfach gar nix, wie immer und überall und hoffen das es keiner merkt.

      Aber, wir sind auf einem guten Weg. Na dann ………………

  • Kurt Graupner sagt:

    Funktionstüchtige und bei Nässe schnell trocknende nicht beschmierrbare Bänke auszuwechseln die total funktionsfähig sind ist der Schwachsinn pur. Das Geld ,das ja offensichtlich vorhanden ist ,sollte lieber in eine öffentliche Toilette investiert werden. Das könnte auch einen Arbeitsplatz schaffen.

  • Tehpunkt sagt:

    … Ich finde das im Zeitalter der Nachhaltigkeitauch sehr fragwürdig, nee, einfach shit. Lässt die Bänke wo sie sind, nutztdas Geld für was sinnvolleres. Wie schon geschrieben, zeitlos, schnell trocknend, nicht beschmierbar und einfach „Wunstorf“.
    Liebe Stadt, denkt da bitte nochmal drüber nach.

  • Elfriede Lange sagt:

    Wunstorf kann auf diese zeitlose Architektur stolz sein. Es wäre sehr sehr schade diese Bänke auszutauschen.
    Offensichtlich ist man sich nicht im Klaren, welche Schätze man hat.

    • Tehpunkt sagt:

      Absolute Geldverschwendung und wie Sie schon sagen, Wunstorf ist sich offensichtlich nicht bewusst, welche Schätze es hat. Die „schönste Innenstadt der Region“ passt dich eben auch nur dem Main Stream an und verliert nach und nach an Besonderheit und Individualität. Schade…

  • Ein Luther sagt:

    Im Gegensatz zu den Bänken am alten Markt kann man darauf gut sitzen und es sitzen sogar oft welche drauf. Aber im Sinne der Nachhaltigkeit sollte man schon gelegentlich funktionierende und intakte Dinge auf den Müll schmeißen. Geld ist ja da und für die Geschäfte der Innenstadt bringt es wahrscheinlich einen riesigen Mehrwert. Junge Menschen werden durch neue Bänke auch in die Stadt gezogen werden.

  • Gilbert (Gast des Ortsrats) sagt:

    Frau Riedel als Vorsitzende des Bauausschusses hält die Diskussion über den Erhalt der Olympia-Bänke in den sozialen Medien (Aue Post) für „unsäglich“. Ergo: Die SPD lehnt eine Bürgerbeteiligung ab. Dann ist doch die Online-Umfrage, die zwei Wochen dauerte, eigentlich für diese Partei Makulatur, oder ?!

    • Dieter sagt:

      Hallo Gilbert, kennen sie etwas, was die SPD ( Spezial Demokraten?! ) auf Bürgerumfragen umgesetzt hat? Ich nicht.

      Die SPD interessiert sich nicht für die Meinung ihrer Wähler/Bürger, besonders dann, wenn die Wahlen gerade gelaufen sind.

  • Susanne sagt:

    Warum dürfen wir Bürger, die viel Steuern zahlen, nie mitbestimmen. Ich bin der Meinung, dass die Bänke bleiben sollen. Ich schließe mich meinen Kommentatoren an. Wie wäre es, Müll in den Gräben in und um Wunstorf, regelmäßig einsammeln zu lassen. Das fällt mir immer mehr auf. Masken,Mc Donalds Verpackungen,To Go Becher,etc….!
    Neue Arbeitsplätze und eine saubere Stadt und Umgebung. Wie wäre es,wenn wir damit mal Punkten?!
    „Die sauberste Stadt“….
    Das würde ich mir wünschen.

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