Pläne von Amazon

Ein Amazon-Verteilzentrum in Wunstorf?

Ein Amazon-Verteilzentrum könnte in Wunstorf entstehen. Kein Lager, keine Spedition, sondern der nächste Schritt von Amazon zu mehr Marktmacht im Handel. Während die Wunstorfer zunächst an neue Arbeitsplätze und steigenden Verkehr denken, gehen die Einzelhändler von Arbeitsplatzverlust in der Innenstadt aus.

Amazon-Paket
Ama­zon-Pake­te könn­ten künf­tig aus Wunstorf kom­men

Die Nach­richt kam über­ra­schend: Ama­zon spielt mit dem Gedan­ken, ein Ver­teil­zen­trum am Stand­ort des ehe­ma­li­gen Lidl-Lagers an der Adolf-Oes­ter­held-Stra­ße zu errich­ten. Seit 2016 ist das dor­ti­ge Gelän­de unge­nutzt. Über­ra­schend erschei­nen die Plä­ne auch des­halb, weil gera­de erst in Garb­sen ein neu­es Logis­tik­sor­tier­zen­trum ent­stan­den ist.

Doch in Wunstorf soll kein Zen­tral­la­ger oder Sor­tier­zen­trum ent­ste­hen, son­dern ein Ver­teil­zen­trum. Der Unter­schied ist essen­ti­ell: Wäh­rend das Garb­se­ner Sor­tier­zen­trum als Zwi­schen­glied im Ama­zon-Logis­tik­netz­werk funk­tio­niert, indem es Sen­dun­gen aus den Logis­tik­la­gern (vor-)sortiert und an die Paket­zen­tren wei­ter­lei­tet, wäre Wunstorf eines die­ser Paket­zen­tren. Garb­sen und Wunstorf wür­den sich also kei­nes­wegs „Kon­kur­renz machen“, son­dern sind ver­schie­de­ne Bau­stei­ne der Ama­zon-Ver­sand­stra­te­gie. Mit den gro­ßen Ama­zon-Logis­tik­la­gern, den „Logis­tik­zen­tren“, in denen die Waren gela­gert, zusam­men­ge­stellt, ver­packt und ver­schickt wer­den, hat ein Ver­teil­zen­trum eben­falls wenig zu tun.

Verteilzentrum?

Kun­den, die auf ein Paket war­ten, sehen z. B. im DHL-Sen­dungs­ver­lauf einen Hin­weis wie „Die Sen­dung wur­de im Ziel-Paket­zen­trum bear­bei­tet“ – es ist der letz­te Schritt der Rei­se eines Pakets, bevor es in das Zustell­fahr­zeug gela­den und aus­ge­lie­fert wird. Bei Ama­zon selbst ist dage­gen von „Ver­teil­zen­tren“ die Rede. Ver­teil­zen­tren sind die Ama­zon-eige­ne Ant­wort auf die Paket­zen­tren der Paket­diens­te wie DHL, Her­mes, DPD etc. Damit ver­sucht Ama­zon, sich einer­seits von den exter­nen gro­ßen Paket­diens­ten unab­hän­gi­ger zu machen und ande­rer­seits schnel­le­re Lie­fer­ket­ten zu garan­tie­ren: Das soll letzt­lich ermög­li­chen, dass der Ama­zon-Kun­de sein Paket schnel­ler bekom­men kann.


Aus den Ama­zon-Logis­tik­zen­tren wer­den täg­lich Mil­lio­nen Pake­te ver­schickt – ein Teil davon könn­te künf­tig in Wunstorf lan­den. | Video: Ama­zon

Amazons „eigener“ Paketdienst

Bis­her wer­den die meis­ten Ama­zon-Pake­te in Deutsch­land mit den gro­ßen Paket­diens­ten ver­schickt: Die LKWs von z. B. DHL wer­den direkt an den Ama­zon-Logis­tik­la­gern bela­den und neh­men von dort ihren Weg in die DHL-eige­nen Paket­zen­tren, wo die Lie­fer­fahr­zeu­ge bestückt wer­den. Künf­tig wird die­ser Weg immer öfter ent­fal­len kön­nen, Ama­zon somit auch auf „der letz­ten Mei­le“ zum Kun­den selbst zum Logis­ti­ker wer­den. Die Pake­te kom­men letzt­lich aber dann doch nicht mit „Ama­zon-Paket­au­tos“ – auch wenn sie das Ama­zon-Logo tra­gen. Ama­zon arbei­tet statt­des­sen mit klei­ne­ren loka­len Zustell­diens­ten zusam­men, um sei­ne Pake­te aus­zu­lie­fern, bil­det also qua­si mit Sub­un­ter­neh­mern sei­nen eige­nen Paket­dienst, ohne eige­ne Fah­rer beschäf­ti­gen zu müs­sen.

Bis­lang ist Ama­zon nur in eini­gen weni­gen Regio­nen mit sei­nem eige­nen Zustell­dienst „Ama­zon Logistics“ ver­tre­ten, etwa in Ber­lin, Mün­chen oder im Ruhr­ge­biet. Wei­te­re Stand­or­te sol­len wohl jedoch fol­gen, und für die Regi­on Han­no­ver könn­te es eben Wunstorf wer­den. Wunstorf wäre damit das letz­te Glied in der Ver­sand­ket­te: ein Paket­zen­trum, das exklu­siv Pake­te nur für Ama­zon und des­sen Kun­den an die Paket­bo­ten der ver­schie­de­nen Zustell­diens­te wei­ter­reicht. Der Zustell­ra­di­us beträgt dabei etwa maxi­mal 120 Kilo­me­ter. Olching bei Mün­chen war das Pilot­pro­jekt in Deutsch­land, nach des­sen Vor­bild wird nun offen­bar in den Bal­lungs­ge­bie­ten der gan­zen Repu­blik der Ama­zon-Paket­ver­sand revo­lu­tio­niert.

Altes Lager
Das ehe­ma­li­ge Lidl-Lager soll Ama­zon-Paket­zen­trum wer­den | Foto: Dani­el Schnei­der

Steigender Verkehr

Wunstorf scheint dabei per­fekt in die Ama­zon-Stra­te­gie zu pas­sen: Es ist ver­kehrs­güns­tig gele­gen, hat mit Wunstorf-Luthe und Wunstorf-Kolen­feld gleich zwei Auto­bahn­an­schlüs­se vor der Haus­tür – und ist als Teil der Regi­on Han­no­ver Bestand­teil des wohl künf­ti­gen Kern­ge­bie­tes des ent­spre­chen­den Ama­zon-Lie­fer­diens­tes. Die bis­her ent­stan­de­nen Ama­zon-Ver­teil­zen­tren wur­den eben­falls stets an die Auto­bahn gebaut, und dabei nicht zwangs­läu­fig mit­ten in die Groß­stadt. Für Mün­chen wur­de ein Ama­zon-Ver­teil­zen­trum in Olching an der A 8 errich­tet, eben­falls am Ran­de der Regi­on, und in Raun­heim ent­stand eines vor den Toren von Frankfurt/Main neben dem dor­ti­gen Flug­ha­fen an der A 3.

My loca­ti­on
Rou­ten­pla­nung star­ten

Paket-Bahnhof

Doch ein Ver­teil­zen­trum ist nicht ein­fach nur ein Spe­di­ti­ons­ge­län­de. Prak­tisch wür­de sich der Stand­ort bei Luthe zu einer Art Ama­zon-Paket-Bahn­hof ent­wi­ckeln. Neben den LKWs, die die Pake­te anlie­fern, wür­de auch eine Flot­te der Lie­fer­wa­gen – in der Regel Klein­trans­por­ter – von meh­re­ren Paket­diens­ten das Gelän­de regel­mä­ßig anfah­ren, um die aus­zu­lie­fern­den Sen­dun­gen auf­zu­neh­men. Anders als in Garb­sen wären die Ver­kehrs­strö­me in Wunstorf klein­tei­li­ger, was eine nicht zu unter­schät­zen­de zusätz­li­che Ver­kehrs­be­las­tung vor allem auf der B 441 und der Adolf-Oes­ter­held-Stra­ße bedeu­ten wür­de. Dem­entspre­chend steht vor allen wei­te­ren Umset­zungs­plä­nen nun zunächst ein­mal die Ein­ho­lung eines Ver­kehrs­gut­ach­tens.

Angst der Einzelhändler vor Same-day-Lieferungen

Für den Ein­zel­han­del ist es schon das Schreck­ge­spenst schlecht­hin: Wenn Ama­zon nun bald die gesam­te Lie­fer­ket­te kon­trol­lie­ren – und somit dank sei­ner Markt­macht Ein­fluss auf die Kon­di­tio­nen der Bran­che neh­men kann, wird es nicht nur für die tra­di­tio­nel­len Paket­diens­te unschö­ner. Auch der Ein­zel­han­del fürch­tet die zuneh­men­de Markt­macht des Online­händ­lers. Eige­ne kon­kur­renz­fä­hi­ge Lie­fer­an­ge­bo­te der loka­len Händ­ler, die viel­leicht in Eigen­re­gie online ver­kau­fen möch­ten, wür­den noch schwie­ri­ger, wenn Ama­zon auf sei­ne eige­nen Zustell­diens­te set­zen kann. Denn irgend­wann wird nie­mand mehr auf den nächs­ten Tag oder sogar tage­lang auf sei­ne bestell­te Ware war­ten wol­len. An Ama­zon käme man dann im Online-Han­del tat­säch­lich kaum noch vor­bei.

Amazon-Pakete
Ein unbe­geis­ter­tes Ama­zon-Paket (Sym­bol­bild)
Die Vor­tei­le, die der Ein­zel­han­del bis­lang noch gegen­über den Ver­sand­händ­lern hat, schmel­zen zudem immer wei­ter dahin: Schon heu­te haben Kun­den nur bei Online­be­stel­lun­gen ein gesetz­li­ches „Umtausch­recht“; im Laden vor Ort lässt sich die Ware zwar direkt begut­ach­ten, aber wer nach dem Kauf zu Hau­se fest­stellt, dass sie doch nicht das Rich­ti­ge ist, ist auf die Kulanz der Händ­ler ange­wie­sen. Wenn Ama­zon durch eige­ne regio­na­le Logis­tik­struk­tu­ren nun auch noch tag­glei­che Lie­fe­run­gen anbie­ten kann, fällt der Unter­schied zum „Direkt-im-Laden-Mit­neh­men“ noch gerin­ger aus.

Ladensterben befürchtet

Aus Fach­krei­sen erfuhr die Wunstor­fer Aue­post, dass es eine kla­re Mei­nung unter den Wunstor­fer Ein­zel­händ­lern gibt: die­se gehen von einem wei­te­ren Ladenster­ben in der Innen­stadt aus, soll­ten die Ama­zon-eige­nen Lie­fe­run­gen Rea­li­tät wer­den. Schon jetzt kämpft der Ein­zel­han­del mit der Online-Kon­kur­renz, doch die noch attrak­ti­ver wer­den­den Online­be­stel­lun­gen könn­ten einen Teu­fels­kreis in der Innen­stadt in Gang set­zen. War­um soll man sich noch die Mühe machen, in der Wunstor­fer Innen­stadt einen Park­platz zu suchen, der auch noch Park­ge­büh­ren kos­tet, wenn Ama­zon das Gewünsch­te auf Maus­klick noch am sel­ben Tag direkt vor die Haus­tür bringt?

PLZ-Abfrage Wunstorf bei Amazon
Der­zeit liegt Wunstorf nicht im Same-Day-Gebiet von Ama­zon | Screen­shot: Aue­post
Auf die Poli­tik kön­nen die Ein­zel­händ­ler dabei momen­tan wenig zäh­len, die neue Park­plät­ze lie­ber an den Orts­rand setzt und dafür die Park­ge­büh­ren für die Stell­plät­ze in Lauf­wei­te der Geschäf­te sogar noch wei­ter anhe­ben will. Doch dies ist ein gene­rel­les Pro­blem für den ört­li­chen Han­del, was nichts direkt mit der mög­li­chen Ansied­lung des Ama­zon-Paket­zen­trums in Wunstorf zu tun hat. Die Effek­te wür­den genau­so ent­ste­hen, wenn Ama­zon sein Ver­teil­zen­trum an ande­rer Stel­le in der Regi­on errich­tet.

Schöne Aussichten?

Statt vie­ler neu­er Arbeits­plät­ze könn­te ein Ama­zon-Ver­teil­la­ger in Wunstorf daher auch ledig­lich zu einer Abwan­de­rung von Arbeits­stel­len füh­ren – und man­che Ange­stell­ten, die heu­te noch tarif­ge­bun­den im Ein­zel­han­del in der Wunstor­fer Innen­stadt arbei­ten, sich womög­lich irgend­wann als Kurier­fah­rer oder Packer in einem Ama­zon­la­ger bei schlech­te­rer Bezah­lung wie­der­fin­den. Am Ende hät­te Wunstorf nicht bedeu­tend mehr Arbeit, son­dern haupt­säch­lich nur mehr Ver­kehr. Und Kun­den wür­den damit rech­nen müs­sen, dass sie künf­tig immer sel­te­ner die Wahl haben wer­den, wo sie ein­kau­fen gehen kön­nen – wenn der loka­le Ein­zel­han­del erst ein­mal mar­gi­na­li­siert ist und am Ende nur noch Ama­zon übrig­bleibt. Ob Wunstorf – trotz eines Ama­zon-Stand­or­tes in der Stadt – über­haupt von Same-Day-Deli­very pro­fi­tie­ren wür­de oder die schnel­len Lie­fe­run­gen auf das Stadt­ge­biet von Han­no­ver beschränkt blie­ben, ist dabei noch eine ganz ande­re Fra­ge.

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11 Kommentare
  1. Frank Dahnke sagt

    War­um soll das jetzt wie­der schlecht sein ?

  2. Micha Herr-Forder sagt

    Dann kom­men eini­ge von ihren hohen Prei­sen end­lich mal run­ter, bei einem und dem sel­ben Pro­dukt, von dem sel­ben Her­stel­ler, ist ein Elek­tro­nik­fach­markt ca 150%teurer. Hab denen das gesagt, Preis wur­de um ca 30 % redu­ziert.….

  3. Jan Krage sagt

    Ob das Ding nun hier steht oder in Lehr­te oder in Hameln ist doch für die Ein­zel­händ­ler völ­lig egal. Ama­zon will sel­ber aus­lie­fern. Das machen sie eh ob das Lager nun hier steht oder woanders…jammert nicht rum son­dern freut euch dass die Stadt als Wirt­schafts­stand­ort wächst…

  4. Friedlies Reschke PR sagt

    es kommt eh – wenn nicht hier dann woan­ders. Für mich ist es immer noch ein „Erleb­nis“ ein­kau­fen zu gehen. Ich will füh­len, anpro­bie­ren und ganz wich­tig: Ich suche Bera­tung! Die­se bekom­me ich bei Ama­zon nicht! Zum The­ma: Park­ge­büh­ren – frü­her (ja frü­her als wir noch einen Kai­ser hat­ten), konn­ten mei­ne Eltern ihre Park­kar­te bei Händ­lern abstem­peln las­sen und erhiel­ten so die Park­ge­bühr erstat­tet! Viel­leicht könn­ten ja auch die Wunstor­fer Händ­ler über eine eige­ne Online-Platt­form nach­den­ken?

  5. Peter Demuth sagt

    Typisch Wunstor­fer…
    70er+80er jah­re: Flug­platz­ren­nen… ca 35000 besu­cher. Gros­ses Geschrei, alles ver­stopft, abga­se usw. Ren­nen gibts nim­mer. ABER… Fest­li­ches Wochen­en­de Stein­hu­de… 30000 besu­cher + feu­er­werks­qualm.. Jubi­lie­ret und froh­lo­cket, immer mehr Besu­cher.

    Flie­ger­horst Anlie­ger: Bääh, die­ser Krach und Lärm. Aber womög­lich güns­ti­ge Grund­stü­cke bekom­men.
    Grenz­öff­nung: Flie­ger­horst soll in Osten ver­legt wer­den.
    Glei­che Leu­te: Oh, unse­re Kauf­kraft geht flö­ten.….
    usw usw

  6. Ham Ad sagt

    Wo bit­te wür­den hier Arbeits­plät­ze in der Innen­stadt ver­lo­ren gehen?! Bei den Fri­seu­ren, Döner-Läden, Apo­the­ken, Flei­scher, Dro­ge­rie-Ket­ten, Bou­ti­quen?! Schwach­sinn! Die Innern­stadt besteht zu 80% aus die­sen o.g. Geschäf­ten. Die o.g. Geschäf­te exis­tie­ren nicht bei Ama­zon, abge­se­hen von Dro­ge­rie und Kla­mot­ten. Dro­ge­rie-Geschäf­te bestehen aus Ket­ten, und wer kauft schon Kla­mot­ten bei Ama­zon, bit­te? Alles rei­ne Panik­ma­che!

  7. Paul Treptow sagt

    was haben loka­le händ­ler hier­mit zu tun? das ist ein paket lage zen­trum. und kein edeka/saturn wo man ein­kau­fen gehen kann.
    ist also kei­ne „bedro­hung“ für irgend­ei­nen laden.

  8. Basti g. sagt

    Arbeits­platz­ver­lust in der Innen­stadt:-) ist doch nur eine lohn­fra­ge

  9. Herri Trinker sagt

    Lob für die­sen Arti­kel an die Aue­post-Redak­ti­on!
    Die­se Qua­li­tät habe ich in der Lei­ne-Zei­tung bis­her nicht gefun­den…

  10. Simone Behne sagt

    Die Lage ist halt total wirt­schaft­lich für Ama­zon. Zwei Auto­bahn­an­bin­dun­gen, Kanal­an­bin­dung und diver­se Bun­des­stra­ßen. Ist doch aber super. Und ret­tet vorm Aus­ster­ben das Ama­zon hier­her kommt und Arbeits­plät­ze bie­tet.
    Was wird eigent­lich aus dem alten Aldi­ge­bäu­de im Indus­trie­ge­biet?

    1. Basti g. sagt

      Kanal­an­bin­dung wer­den die wohl nicht brau­chen ! Aber der Stand­ort Wunstorf ist per­fekt und schafft Arbeits­plät­ze Ama­zon zahlt zwar kein wucher­lohn aber schuld sind die Arbei­ter die sich so güns­tig ver­kau­fen

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