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Pasteis, Tapas und Zander: Quantensprung für die Inselfestung des Grafen Wilhelm

21.06.2022 • Achim Süß • Aufrufe: 989

Die Saison am Meer ist längst angelaufen, und auf dem Wilhelmstein hat ein neues Kapitel begonnen. 2022 hält Steinhude so viele Neuerungen bereit wie seit Jahrzehnten nicht. Aber die beiden Inselwirte von Graf Wilhelms Inselfestung wagen geradezu den Umbruch – quasi mit dem Segen von Donatus zu Schaumburg-Lippe und dem Fürstenhaus.

21.06.2022
Achim Süß
Aufrufe: 989
Haben die Zukunft des Wilhelmsteins im Blick: Donatus zu Schaumburg-Lippe (rechts) und Hofkammer-Chef Christian Weber | Foto: Achim Süß

Steinhude (as). Mit der Tourismus-Gesellschaft haben die Unternehmer Dennis Karle und Thomas Weppler ein Konzept erarbeitet, das die Anziehungskraft der Insel entscheidend erhöhen soll. Renovierungen, Umbauten, Ergänzungen und ein Strauß von Innovationen sollen den Wilhelmstein zu neuer Blüte führen. In ihrer zweiten Saison wagen sie viel und bieten viel.

Dass sie Großes vorhaben, zeigt die Personalpolitik: Mit vier Helferinnen und Helfern aus ihren Familien gestartet, steuern sie in diesem Sommer ein 40-köpfiges Service-Team. In Steinhude haben sie zu Beginn des Jahres zudem das Hotel Seinsche übernommen und zur „Hafenmeisterei“ umgewidmet. Dieser Betrieb und das „Resort“ auf der Insel sind Teil der KaWe Hotel und Gastro GmbH mit Sitz in Steinhude.

Die Insel Wilhelmstein hat eine Geschichte, die gern als wechselvoll bezeichnet wird. Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe (1724 bis 1777) ließ die kleine Festung 1761 bauen. Sie ist in ihrer Art einmalig auf der Welt. Einziger Zweck des Bauwerks: einen uneinnehmbaren Fluchtpunkt für den Fürsten und seine Familie zu schaffen. Die sternförmige Bastion stand zunächst einzeln in der Mitte und wurde von 16 kleinen Inseln eingerahmt. Die Außenwerke wurden erst um 1810 mit der Festung verbunden. Seitdem ist die Insel etwa 100 mal 100 Meter groß. Zunächst war der Wilhelmstein Militärschule. Berühmtester Schüler war der preußische Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst aus Bordenau. Später wurde die Festung schaumburg-lippisches Staatsgefängnis. Mit dessen Schließung 1867 war der Weg frei für die zunehmende touristische Nutzung der Inselfestung. Sie ist vom Verkauf des Steinhuder Meeres an das Land Niedersachsen ausgenommen worden und gehört weiterhin der Adelsfamilie Schaumburg-Lippe.

Steinhude im Aufbruch

Die ambitionierte Initiative für die Insel als touristisches Ziel fügt sich ein in die Bemühungen der Stadt und der Steinhuder, den zentralen Platz an den Strandterrassen aufzuwerten. Neues Pflaster, neues Wasserspiel, neue Bänke und Bäume: Viel Geld ist schon ausgegeben worden, um neue Akzente zu setzen. Private Unternehmer wie die Familie Hodann oder Andreas und Thomas Lampe von den Strandterrassen ergänzen die öffentlichen Investitionen mit eigenen Projekten. Die Lampes haben die in die Jahre gekommenen Verkaufsstände neben dem Gebäude mit einer kleinen Ladenzeile ersetzt – eine Holzkonstruktion, den Strandterrassen angepasst in Grautönen. Neue Sitzmöbel davor ergänzen das Angebot. Noch im Werden ist auf der anderen Seite des Platzes das Vorhaben der Räucherei Hodann. Ein zweigeschossiges Gebäude mit Dachterrasse soll dort entstehen, wo der Fischwagen stand. Ein weiteres Beispiel für den Aufbruch im Ort: Aus dem „Alter Winkel“ wurde vor zwei Jahren das Hotel Kranenborgh der Familie Lange. Sie bieten fünf Zimmer und einen von Grund auf umgestalteten Biergarten am Kanal neben der Promenade.

Dennis Karle: Inselwirt, Hotelier, Unternehmer voller Ideen und Tatendrang. | Foto: Achim Süß

Mit den aktuellen Investitionen trägt der Einsatz der Steinhuder Meer Tourismus GmbH (SMT) Früchte. 2004 von Stadt Wunstorf und Verkehrsverein Steinhuder Meer gegründet, um Hagenburg, Neustadt, Mardorfer Verkehrsverein, Rehburg-Loccum erweitert, vermarktet die SMT das Meer als Ausflugs- und Urlaubsziel. Werbung, Gästebetreuung und Veranstaltungsmanagement sind nun in einer Hand. Rund ums Meer ist so etwas wie Corpsgeist entstanden. Die Belange der Region, ihre Chancen und die Entwicklung stehen im Vordergrund, wo früher Einzelinteressen dominierten.

Der Zusammenhalt wächst

„Ich arbeite in vielen Arbeitsgemeinschaften“, bekennt Willi Rehbock vor ein paar Tagen am Ufer des Wilhelmsteins, während der Wind seine Haare zerzaust. Hier am Steinhuder Meer, so der SMT-Geschäftsführer weiter, werde so eng und zielorientiert gearbeitet wie sonst nirgendwo. Mit der finanziellen Hilfe des Landes, der Region Hannover, der Hofkammer, der Städte und Landkreise in der Umgebung des Meeres werde es gelingen, die Insel zu einer der „Top-Sehenswürdigkeiten in Niedersachsen zu entwickeln“.

Donatus zu Schaumburg-Lippe (links) schildert seine Erfahrungen beim Kite-Surfen. Aufmerksamer Zuhörer: Willi Rehbock, der Geschäftsführer der Steinhuder-Meer-Tourismus-Gesellschaft. | Foto: Achim Süß

Der junge Mann neben Rehbock pflichtet ihm bei: Die Ergebnisse der kreativen Zusammenarbeit aller Kooperationspartner sei beim Betreten der Insel sofort spürbar, sagt Donatus zu Schaumburg-Lippe. Der 28-Jährige ist als Vertreter des Fürstenhauses auf die Insel gekommen. Die Fürstliche Hofkammer ist seit 2021 jüngster Partner im Verbund der SMT.

Erlebbare Festungsgeschichte

Der Erbprinz nennt die Festung einen ganz zentralen Ort für seine Familie. Das Vermächtnis seines Vorfahren Graf Wilhelm, dessen Erfahrungen als Heerführer und dessen ständige Sorge um Schutz und Sicherheit, seien sehr lebendig. Wilhelms Politik, die Grafschaft aus eigener Kraft vor Angriffen zu schützen, werde auf dem Wilhelmstein besonders deutlich und habe bewirkt, dass Schaumburg-Lippe bis 1946 als selbstständiges Land „überleben konnte“.

Was der Graf um 1760 schaffen ließ, ist längst ein Stück erlebbare Geschichte: Mächtige Mauern, winzige Räume für die einfachen Soldaten, noble Zimmer für den Kommandanten und die Offiziere, Arrestzellen, Kanonenkugeln, Schießscharten. Bis zu 70.000 Gäste kommen Jahr für Jahr zur Insel. Die Tourismus-Partner arbeiten gemeinsam daran, nun auch die Festung zu renovieren und die Ausstellung seltener Exponate neu zu gestalten.

In einem Boot zum Wilhelmstein, Seite an Seite zu neuen Ufern:
Regions-Präsident Steffen Krach (links) und Donatus zu Schaumburg-Lippe. | Foto: Achim Süß

Dass die SMT sich dieses und andere Ziele auf die Fahnen schreibe, würdigte Wiebke Schaffert-Weiland, Wunstorfs neue Erste Stadträtin. Die Tourismus-Gesellschaft habe sich zum Motor entwickelt, und die Stadt werde sich dafür einsetzen, dass das so bleibe. Der Wilhelmstein sei nicht zuletzt ein Wirtschaftsfaktor. Schaffert-Weiland hofft, dass das Portugal-Festival der Inselwirte zur Tradition wird.

Was Portugal mit dem Wilhelmstein zu tun hat

Die Aktionen zum portugiesischen Nationalfeiertag haben sich Weppler und Karle einfallen lassen. Sie knüpfen an eine Episode im Leben des Grafen Wilhelm an, die in den Geschichtsbüchern und in Portugal präsenter ist als hierzulande. Sie nennen ihr neues Lokal am Fuß der Festung „Porto Lago“ und spezialisieren sich auf Leckereien aus Portugal wie Pasteis de Nata oder Tapas, die die Speisenkarten mit lokal orientierten Gerichten wie Zander ergänzen. Der Inselkiosk hält nun Picknickkörbe bereit, und in den beiden renovierten Gästehäusern werden sechs Zimmer vermietet. Auch die Inselhochzeiten und Angebote für Geschäftskunden haben die Wirte neu organisiert, einen kleinen Strand angelegt und einen Schwimmsteg, um Kanuten und Stand-up-Paddlern das Anlegen zu erleichtern.

Der Graf als Kriegsherr: Der Schaumburger stellte eine eigene Truppe auf, um sich im Siebenjährigen Krieg an der Seite Preußens, Kurhannovers, Großbritanniens, Portugals und weiterer Grafschaften aus dem heutigen Niedersachsen gegen das Bündnis von Habsburgern, Reichsarmee, Sachsen, Frankreich, Russland, Schweden und Spanien zu stellen. In der Schlacht bei Minden wies die von ihm geführte Artillerie den französischen Angriff ab. Graf Wilhelm avancierte zum Oberbefehlshaber der Artillerieverbände. Als Frankreich und Spanien sich zum Angriff auf Portugal entschlossen, wurde Wilhelm zum Oberbefehlshaber der portugiesischen und britischen Verbände ernannt. Im sogenannten Fantastischen Krieg wehrte Wilhelms Heer die spanische Invasion ab und bewahrte Portugals Unabhängigkeit. Er gründete eine Kriegs- und Artillerieschule und ließ bei Elvans ein Fort bauen. Als Vorlagen dienten ihm die Prinzipien der Wilhelmstein-Schule und die dortige Festung. Portugals König nannte die Anlage zu Wilhelms Ehren Fort Lippe.

Insgesamt übe die „Insel mit üppiger Historie mitten im Meer“ nun einen ganz besonderen Reiz aus, befindet auch Regionspräsident Steffen Krach, als er sich zu den Rednern gesellt. Schon das Übersetzen sei ein kleines Abenteuer. Es sei ein Glücksfall, dass „das Inselresort so mutig war, die Gastronomie zu einem schwierigen Zeitpunkt zu übernehmen.“ Jetzt freue er sich darauf, mitzuerleben, wie „wir den Wilhelmstein in den kommenden Jahren gemeinsam noch besser machen können“.

„Das ist ein Quantensprung!“ Wilhelm Bredthauer, Ex-Ortsbürgermeister von Steinhude, ist voll des Lobes. | Foto: Achim Süß

Mit dabei während der Präsentation der Neuerungen sind zwei Kommunalpolitiker aus Steinhude, die sich – bei aller Gegensätzlichkeit – nur freuen: Christiane Schweer, Ortsbürgermeisterin und Chefin der CDU-Fraktion im Wunstorfer Stadtrat, lobt die Ideen der Inselwirte. Die historischen Aspekte des Wilhelmsteins herauszustellen und touristisch zu nutzen, sei der richtige Weg: „Das Konzept ist sehr gut gelungen.“ Mehr denn je gilt für Schweer: „Der Willi ist immer eine Bootsfahrt wert!“ Auf einen kurzen Satz bringt Wilhelm Bredthauer, Schweers Vorgänger, sein Lob: „Das ist ein Quantensprung“, sagt der SPD-Mann.

von Achim Süß
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Kommentare


  • Andreas R. Niepel sagt:

    @Artikel: „Auf einen kurzen Satz bringt Wilhelm Bredthauer, Schweers Vorgänger, sein Lob: „Das ist ein Quantensprung“, sagt der SPD-Mann.“
    Auch wenn der Satz immer wieder gesagt wird, um etwas tolles, umfassendes, bahnbrechendes zu beschreiben – ist der gemeinte Sinn nett, aber semantischer Blödsinn – wenn man die Entstehung des Begriffes betrachtet:
    ein Quantensprung ist der Übergang eines Elektrons von einem Energieniveau zum nächsten. Wenn man das (zuverlässig) messen könnte, wäre es die kleinste messbare Entfernung.

    Also – heruntergebrochen – wäre ein Quantensprung allenfalls ein leichtes Verziehen der Mundwinkel zu einem Versuch des Lächelns. Mehr nicht.

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