
Wunstorf (red). Kurz vorm Osterwochenende kam die Nachricht: Es geht weiter bei der Industriebrache Viongelände. Gefunden scheint nun ein Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können. Das Architekturbüro, das einst den Architektenwettbewerb gewann, hat einen dritten Entwurf geschaffen. Nach diesem soll nun das neue Quartier mit dem Namen „Oststadtbogen“ entstehen.
Die Zusammenfassung des bisherigen Geschehens: Das Areal mit den Ruinen der ehemaligen Tiefkühlkostproduktion von ursprünglich Langnese-Iglo, später Vion, sollte zum Wohnquartier werden. Dazu wurde 2017 ein Architektenwettbewerb abgehalten, der einen Siegerentwurf hervorbrachte. Darin enthalten: Ein großer Park am Rande des Neubauviertels, der gleichzeitig zum Teil als Lärmschutzwall zu den am Gelände vorbeiführenden Bahnstrecken Hannover–Bremen/Minden gedient hätte.
Fünf Jahre später ging man an die konkrete Umsetzung der Idee. Doch dann wurde es richtig kompliziert. Stadt und Investor zerstritten sich. Hauptstreitpunkt: Die Stadt hielt lange am ursprünglichen Entwurf mit großem Park fest, der Investor hielt die alten Pläne wiederum nicht für wirtschaftlich umsetzbar. Dann änderten sich auch noch die Rahmenbedingungen: Das inzwischen zum großen Flüchtlingswohnheim gewordene Bauwerk am Luther Weg sollte nicht mehr abgerissen werden, sondern für Wunstorf erhalten bleiben.

Kompromissvorschläge – etwa ein kleinerer Park im Zentrum des Areals und niedrigere normale Lärmschutzwände statt einer begrünten Wallanlage – führten zu keinem Ergebnis. Die Stadt bestand auf angemessenem Lärmschutz, nicht zu dichter Bebauung und einer guten Einbindung in die städtischen Verkehrswege, der Investor auf verbesserte Wirtschaftlichkeit auch in Hinblick auf die Dichte der Bebauung. Die jeweiligen Vorstellungen lagen zu weit auseinander. Auch modifizierte Entwürfe, darunter ein stark geänderter, führten zu keiner Einigung. Die Stadt holte schließlich die maximal mögliche rechtliche Keule hervor, um die eigenen Interessen zu schützen, und belegte das Gelände mit einer Veränderungssperre. Der Investor ließ sich davon aber nicht unter Druck setzen. Die Quartierspläne lagen damit auf Eis.
Bereits 2023 schien das Projekt am Ende, Anfang 2024 waren die Fronten verhärtet, Anfang 2025 schien die Idee gestorben. Bis jetzt. Doch im darauffolgenden Sommer hatte die Stadt noch weiter eingelenkt.
Nun, mit dem dritten Entwurf, hat man zu einer Einigung gefunden. Ein wenig wirkt dieser, als hätte man in der vertrackten Situation tatsächlich das Ei des Kolumbus entdeckt: Denn statt eine monströse Lärmschutzanlage mit aufgesetzten Lärmschutzwänden zu bauen, sollen nun Gebäude selbst für Lärmschutz sorgen. Dort, wo sonst ein großer Teil des Parks gelegen hätte in einer Hanglage, sollen nun zusätzliche Gebäude entstehen.

Das beseitigt zwei der Streitpunkte mit einer Lösung: Es können mehr Wohneinheiten entstehen, das Gelände wird dichter bebaut – und der Lärm für das übrige Viertel wird von den Gebäuden gleich mit abgehalten. Kleine Geschosswohnungen und einzelne Stadt- oder Reihenhäuser könnten diese Aufgabe übernehmen.
Die neue Bebauung entlang der Bahntrasse soll dabei trotzdem abwechslungsreich gestaltet sein, so dass kein Effekt einer geschlossenen hohen Wand entsteht. Dazu sollen auch zwischendrin eingefügte große transparente Lärmschutzwände beitragen, die die Sichtachsen im neuen Viertel berücksichtigen.
Dass die als Schallschutz dienenden Häuser auch selbst vor Bahnlärm geschützt sind, soll mit baulichen Maßnahmen und der Grundrissanordnung erreicht werden. Das wurde bislang nicht konkretisiert, könnte jedoch z. B. Schallschutzfenster oder von der Bahnseite abgewandte Wohnräume oder Balkone bedeuten.

Auch die das Areal bis heute prägenden Schornsteine spielen im neuen Entwurf weiter eine Rolle. Ob sie wirklich erhalten bleiben, ist jedoch noch nicht geklärt. Stadt und Projektentwickler wollen mindestens einen der beiden Schornsteine erhalten.
Der geplante Weg aus Richtung Altstadt zum Bahnhof direkt durchs Viertel und die Parkanlage wird wohl auch geändert: Der aktuelle Kompromissentwurf zeigt einen Zickzack-Kurs zentraler durchs Viertel hindurch als Verbindungslinie zwischen ZOB und Luther Weg.
Wenn Vielfalt, Buntheit und kulturelle Bereicherung wirklich ein so großer Zugewinn sind, dann ist kaum verständlich, warum man das prägende Bestandsgebäude im Quartierplan nicht offen als Flüchtlingswohnheim benennt, sondern lieber als „Bestand Verwaltung“ tarnt. Eigentlich müsste das doch ein zusätzlicher Vermarktungsjoker sein. Oder gilt die Begeisterung für solche Bereicherung am Ende nur so lange, wie man sie nicht im Exposé klar ausschreiben muss?